Rechtliche Vorgaben für den Vertrieb persönlicher Schutz-ausrüstungen, insbesondere von Sicherheitsschuhen

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Um eine PSA (Persönliche Schutzausrüstung) in der Europäischen Union (EU) vertreiben zu können, gilt es zahlreiche Vorgaben zu erfüllen.

Den gesetzlichen Rahmen hierzu bildet auf Europäischer Ebene die EU-Richtlinie 89/686/EWG. Auf Länderebene wurde diese Richtlinie dann in zahlreichen, landesspezifischen Gesetzen in Nationales Recht umgesetzt. In Deutschland sind dies insbesondere das Arbeitsschutzgesetz (ArbSG) und das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) sowie weitere Gesetze und Verordnungen.

Die EU-Richtlinie wurde im Jahre 1989 verabschiedet, um in allen Staaten der EU einheitliche Vorgaben zu haben. Ziel war es, unter anderem einen Europäischen Binnenmarkt für Persönliche Schutzausrüstungen zu schaffen. In der Folge entstanden Europäische Normen, die durch die Veröffentlichung im Europäischen Amtsblatt harmonisiert und dann von den nationalen Normengremien mit identischem Inhalt veröffentlicht wurden. Nationale Normen, die dem Gedanken des Binnenmarktes entgegenstanden, wurden im gleichen Zug zurückgezogen.

Das Europäische Recht ordnet die unterschiedlichen Persönlichen Schutzausrüstungen drei verschiedenen Kategorien zu. Je nach Kategorie müssen unterschiedliche Voraussetzungen für den Vertrieb eines PSA-Produktes erfüllt werden. Zur  Kategorie 1 gehören einfache PSA-Typen, bei denen der Nutzer selbst die Wirksamkeit gegenüber geringfügigen Risiken beurteilen kann. Hierzu gehören zum Beispiel Schutzhandschuhe für einfache Gartenarbeiten. Dem gegenüber stehen PSA-Produkte der Kategorie 3, die gegen tödliche Gefahren oder irreversible Schäden schützen sollen. Dazu gehören etwa Atemschutzgeräte mit Filter oder Fallschutz. Alle anderen PSA-Produkte gehören zu Kategorie 2, so auch übliche Sicherheitsschuhe mit den Schutzklassen S1, S1 P, S2, S3, S4, S5 für die industrielle Nutzung. Diese müssen vor dem Inverkehrbringen einer Baumusterprüfung bei einer Notifizierten Stelle, einem Prüflabor, unterzogen werden. Die Mitgliedsländer der EU benennen diese Notifizierten Stellen, die regelmäßig ihre Eignung und die notwendige Ausstattung (Prüfgeräte und fachkundiges Personal) für die Durchführung einer Zertifizierung nachweisen müssen.

Wenn bei der Baumusterprüfung, oft auch Zertifizierung genannt, nachgewiesen wird, dass das geprüfte Produkt den Anforderungen einer harmonisierten Norm entspricht, gilt eine Konformitätsvermutung für die Erfüllung der Anforderungen der o.g. EU-Richtlinie. Daher berechtigt eine erfolgreiche Zertifizierung eines Sicherheitsschuhmodells nach EN ISO 20345:2011  den Hersteller, nach Ausstellung einer auf der Baumusterprüfbescheinigung basierenden Konformitätserklärung Sicherheitsschuhe in allen Ländern der EU zu vertreiben.

Aktuell sind die folgenden Normen für Schuhe harmonisiert (Auszug):

EN ISO 20344:2011
Persönliche Schutzausrüstung — Prüfverfahren für Schuhe

EN ISO 20345:2011
Persönliche Schutzausrüstung — Sicherheitsschuhe

EN ISO 20347:2012
Persönliche Schutzausrüstung — Berufsschuhe

EN ISO 20349:2010
Persönliche Schutzausrüstung — Schuhe zum Schutz gegen thermische Risiken und Spritzer geschmolzenen Metalls — Anforderungen und Prüfverfahren

Jedes Paar Sicherheitsschuhe muss nach den geltenden Regeln gekennzeichnet und mit einer Benutzerinformation ausgeliefert werden. Die Kennzeichnung von Sicherheitsschuhen setzt sich wie folgt zusammen:

label_sicherheitsschuhe_de

In der Benutzerinformation der Sicherheitsschuhe sind die Kennzeichnungen, Benutzungsausschlüsse etc. beschrieben.

Generell wird für Sicherheitsschuhe zwischen Grund- und Zusatzanforderungen unterschieden. Grundanforderungen sind für alle Sicherheitsschuhe obligatorisch und sie umfassen insbesondere qualitative Vorgaben für die verwendeten Materialien, insbesondere Zehenschutzkappen, das Design und die Produktionstechnik.

Eine weitere Anforderung betrifft die rutschhemmenden Eigenschaften der Sicherheitsschuhe. Hierbei müssen auf vorgegebenen Kombinationen von Bodenbelägen und Gleitmitteln Mindestanforderungen an Reibungskoeffizienten erfüllt werden. Die Kennzeichnung erfolgt dann je nach Bodenbelag mit SRA, SRB oder SRC.

sicherheitsschuhe_de

Zusatzanforderungen gilt es dann zu erfüllen, wenn für einen Einsatzbereich in Ergänzung zu den Grundanforderungen zusätzliche Sicherheitsausstattungen der Sicherheitsschuhe benötigt werden. Die Sicherheitsschuhnorm definiert aktuell 13 verschiedene Zusatzausstattungen, die jeweils in der oben schon beschriebenen Kennzeichnung mit einem Symbol dargestellt werden.

Kennzeichnung Beschreibung
P Durchtrittsicherheit
C Leitfähige Schuhe
A Antistatische Schuhe
HI Wärmeisolierung des Sohlenkomplexes
CI Kälteisolierung des Sohlenkomplexes
E Energieaufnahmevermögen im Fersenbereich
WR Wasserdichtheit
M Mittelfußschutz
AN Knöchelschutz
CR Schnittfestigkeit
WRU Wasserdurchtritt und Wasseraufnahme des Obermaterials
HRO Verhalten gegen Kontaktwärme
FO Kraftstoffbeständigkeit

 

Da die Symbole in der Kennzeichnung am Schuh recht unübersichtlich werden können, beinhaltet die Norm sogenannte Kurzzeichen, hinter denen sich häufig verwendete Kombinationen von Zusatzanforderungen verbergen. Neben den mit SB abgekürzten Grundanforderungen sind dies die in der Umgangssprache als Schutzklassen für Sicherheitsschuhe S1, S2, S3, S4 und S5 bezeichneten Kurzzeichen mit den laut der nachfolgenden Tabelle zugeordneten Eigenschaften:

Kurzzeichen Beschreibung
Für alle Schuhe
SB Grundanforderungen
Für Schuhe aus Leder oder anderen Materialien
S1 Grundanforderungen+ geschlossener Fersenbereich+ antistatischen Eigenschaften (A)+ Energieaufnahmevermögen im Fersenbereich (E)+ Kraftstoffbeständigkeit (FO)
S2 wie S1, zuzüglich+ Wasserdurchtritt und Wasseraufnahme des Obermaterials
S3 wie S2, zuzüglich+ Durchtrittsicherheit (P)+ Profilsohle
Für Vollgummischuhe oder Gesamtpolymerschuhe
S4 Grundanforderungen+ geschlossener Fersenbereich+ antistatischen Eigenschaften (A)+ Energieaufnahmevermögen im Fersenbereich (E)+ Kraftstoffbeständigkeit (FO)
S5 wie S4, zuzüglich+ Durchtrittsicherheit (P)+ Profilsohle
Für Hybridschuhe(Hierbei handelt es sich um Schuhe, die im unteren Bereich komplett aus einem Polymerwerkstoff hergestellt sind, darüber bildet ein weiterer Werkstoff, z.B. Leder, das Schuhoberteil)
SBH Grundanforderungen

 

Weitere Zusatzanforderungen, die in den Beschreibungen zu den Kurzzeichen nicht enthalten sind, werden in Ergänzung zum Kurzzeichen mit ihrem Symbol kenntlich gemacht. So wird etwa ein S1-Halbschuh, der zusätzlich durchtrittsicher ist, mit S1 P gekennzeichnet.

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