Die letzten Tage haben uns zahlreiche Anfragen und Kommentare zum Thema Atemschutzmasken und deren Verfügbarkeit erreicht. Im aktuellen Interview zwischen Zacharias Zacharakis (ZEIT ONLINE) und Stefan Brück (Vorsitzender der Geschäftsführung der uvex safety group) werden einige Fragen geklärt und ein Einblick in die aktuelle Situation gegeben.

ZEIT ONLINE: Herr Brück, tragen Sie selbst schon einen Mundschutz, wenn Sie einkaufen gehen oder das Haus verlassen?

Stefan Brück: Ich habe auf jeden Fall immer eine FFP2-Maske dabei und schaue mir an, wie die Situation im Geschäft oder anderswo ist. Wenn es eng wird, dann ziehe ich sie auf.

ZEIT ONLINE: Die Unternehmensgruppe uvex kennen die meisten Menschen eher aus dem Sportbereich, als Marke für Ski- oder Sonnenbrillen. In dieser Krise aber sind Atemmasken und Schutzkleidung gefragt wie nie. Was stellen Sie sonst noch her?

Brück: Wir sind ein Anbieter für Schutzausrüstung von Kopf bis Fuß. Das beinhaltet Helme, Augenschutz, Gehörschutz, Atemschutz, Handschuhe, Bekleidung und Schuhe. Wir sind Hersteller der überwiegenden Mehrzahl dieser Produkte, aber wir haben auch Produkte im Sortiment, die wir ergänzend zukaufen.

ZEIT ONLINE: Wo produzieren Sie was selbst?

Brück: Wir fertigen etwa 70 Prozent unserer Produkte selbst, etwas mehr als 40 Prozent davon in Deutschland und einen großen Teil in Europa. Die Produktionstiefe in unserem Unternehmen ist sehr hoch, besonders bei Helmen, Visieren, Augenschutz, Gehörschutz, Schuhen und Handschuhen. Einweganzüge und Atemschutzmasken jedoch kaufen wir in Asien hinzu. An unserem Hauptstandort in Fürth haben wir eine große Produktion für Schutzbrillen, wo wir letztlich alle Komponenten selbst herstellen. In Lüneburg haben wir eine Fertigung für Handschuhe, in Norditalien für Schuhe. Letztere war zwei Wochen geschlossen, kann aber mit Sondergenehmigung jetzt wieder arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?

Brück: Wir haben seit ungefähr eineinhalb Monaten sehr, sehr viele Anfragen, sowohl von einzelnen Krankenhäusern, von medizinischen Institutionen als auch von Behörden, also den Bundesländern, aber auch vom Bund. Das betrifft vor allem vier Produktkategorien: Schutzbrillen, Atemschutzmasken, Einweganzüge und Handschuhe, aber hier nicht allein die Einweghandschuhe.

ZEIT ONLINE: Sollte der Einkauf zumindest für Deutschland nicht zentral gesteuert sein?

Brück: Am Anfang waren die Anfragen sehr unsortiert. Da gab es parallele Anfragen sowohl vom Bund als auch von den Ländern und Einzelorganisationen, die sehr verzweifelt waren. Wir haben die Anfragen nach und nach abgearbeitet und versucht, so weit wie möglich die Bedarfe zu decken. Wir sind aber an Grenzen gestoßen und haben Anfang März mitgeteilt, dass wir unseren Restbestand an Atemmasken nur noch für das medizinische Personal reserviert haben. Die Situation bei den Bestellungen hat sich zuletzt sehr verbessert. Die Behörden haben das stärker kanalisiert und strukturiert.

ZEIT ONLINE: Können Sie diese Masse an Bestellungen überhaupt bedienen?

Brück: Das ist sehr unterschiedlich. Im Augenschutzbereich sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben die Kapazitäten am Standort in Fürth schnell hochgefahren und produzieren jetzt sieben Tage die Woche in drei Schichten. Damit können wir den Bedarf weitgehend decken. Wir haben auch unsere Werkzeuge neu ausgerichtet und Formen neu bestellt, damit wir mittelfristig gut aufgestellt bleiben.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es mit den Atemmasken aus, die aus Asien kommen?

Brück: Bei den Atemmasken gibt es schon einige Herausforderungen. Zunächst waren wir beschränkt durch das Exportverbot für diese Produkte, das China erlassen hatte, um den eigenen Bedarf im Land zu sichern. Das ist jetzt aber wieder gelockert. Wir erwarten Ende dieser Woche neue Lieferungen aus China. Einige Anfragen können wir damit sicher bedienen, aber die angefragten Volumina sind so gewaltig, dass nicht alles gehen wird.

ZEIT ONLINE: Wer produziert für Sie die Masken in China?

Brück: Wir haben in China zwei Partner, die für uns herstellen. Wir entwickeln die Masken in Deutschland und geben sie dann in China in Auftrag. Das hat bisher gut funktioniert. Im Moment ist es aber nicht einfach, für den Transport die Kapazitäten in der Luftfracht zu bekommen. Aber wir haben gute Verbindungen und sind ganz zuversichtlich, dass unsere Lieferung ankommt. Es gibt zwar durch den Bund die Möglichkeit, einen ganzen Flieger zu füllen, aber wir sprechen jetzt von einem Volumen von einer halben Million Masken. Das reicht nicht für ein ganzes Flugzeug aus.

„Für eine solche Produktion brauchen sie ein halbes Jahr Vorlauf“

ZEIT ONLINE: Es wird von US-Amerikanern mit Bargeldbündeln berichtet, die ganze Lieferungen auf dem Transportweg abfangen. Wie ist Ihre Erfahrung mit dem Weltmarkt im Moment?

Brück: Es gab jetzt einen spektakulären Fall, der durch die Presse ging. Aber die Risiken auf dem Transportweg halte ich für überschaubar. Wir bekommen sehr viele Anfragen durch unsere Tochtergesellschaft auch aus anderen Ländern. Aber es gelten jetzt EU-Exportbeschränkungen für genau diese Produkte und daher ist es uns nicht möglich, diese in Drittländer zu verkaufen. Wir konzentrieren uns also auf die EU-Länder, vor allem Großbritannien, Italien, Frankreich und Skandinavien.

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung ruft nun alle Unternehmen auf, auch Atemschutzmasken in Deutschland selbst herzustellen. Machen Sie mit?

Brück: Man braucht unterschiedliche Know-hows, um Atemmasken herzustellen. Da sind einmal das Filtermaterial, das in den meisten Fällen zugekauft wird, und andererseits die Maschinen und der Prozess, um die Masken zu fertigen. Wir haben jetzt ein Projekt gestartet, um dieses Thema zu bewerten. Aber um eine solche Fertigung aufzubauen, auch wenn sie nicht hochkomplex ist, brauchen wir eine gewisse Zeit.

ZEIT ONLINE: Es wird doch schon von größeren Maskenproduktionen berichtet.

Brück: Die Berichte in den Medien beziehen sich meist auf die einfachen OP- oder Mund-Nase-Schutzmasken, die von den Textilunternehmen hergestellt werden können. Aber das hat nichts mit einer FFP2-Maske zu tun, die vor Viren schützt und vor allem vom medizinischen Personal gebraucht wird. Für eine solche Produktion brauchen sie mindestens einen Vorlauf von einem halben Jahr, bis auch signifikante Mengen produziert werden können. Schließlich muss das auch wettbewerbsfähig sein, weil sich gerade sehr viele neue Anbieter in Bewegung setzen. Wenn aber einmal der Hype vorbei ist, muss man das überstehen können.

ZEIT ONLINE: Genau deshalb spricht Bundesfinanzminister Olaf Scholz jetzt von langfristigen Abnahmegarantien, die er deutschen Herstellern für solche Masken gewähren will. Was halten Sie davon?

Brück: Das ist sehr attraktiv und wir haben auf jeden Fall Interesse. Wir haben am vergangenen Donnerstag einen Fragebogen dazu aus dem Bundesgesundheitsministerium erhalten, müssen diesen aber schon bis Dienstagabend ausfüllen. Das ist sehr kurzfristig. Gefragt wird nach dem konkreten Abgabepreis für jede Maske. Und wir sollen garantieren, dass wir bis Mitte August die erste Menge made in Germany ausliefern können. Ich verstehe zwar, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss, aber frage mich trotzdem, wie seriös man ein solches Angebot in dieser Zeit abgeben kann. Wir werden antworten, dass wir ein klares Interesse haben, aber erst abschätzen müssen, wie wir das umsetzen können.

ZEIT ONLINE: Es kommt das Problem dazu, dass Sie auch Vorprodukte benötigen wie spezielle Vliese für die Masken, also das Filtermaterial. Sind solche Produkte noch erhältlich?

Brück: Um ein solches Material herzustellen, braucht man ein sehr hohes Volumen, um wettbewerbsfähig zu sein. Auch die Maschinenausstattung ist sehr aufwendig. Wir müssten dieses Material also zukaufen. Es gibt hier eine Menge Hersteller sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland, die dieses Material vor Ort produzieren. Deutschland ist sehr stark vertreten. Das sollte kein Problem darstellen.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie überhaupt das Personal, um eine solche Produktion aufzubauen?

Brück: Schon unsere Brillenfertigung ist eine hoch automatisierte Produktion mit relativ wenig Personalressourcen, die gesteigerte Kapazitäten über Schichterhöhungen abdecken kann. Das ist machbar. Für eine neue Maskenproduktion bräuchten wir ein neues Personalkonzept, aber auch die wäre hoch automatisiert und wir könnten mit wenig Personal einen hohen Output schaffen.

ZEIT ONLINE: Ihre Mitarbeiter in der Produktion jetzt mit Schutzkleidung auszustatten, dürfte für Sie jedenfalls nicht das größte Problem sein.

Brück: Natürlich nicht, aber das hat trotzdem höchste Priorität. Wir haben schon vor zwei Monaten unsere Produktion voll ausgestattet. Gerade in dieser Lage werden unsere Produkte so dringend benötigt. Da können wir nicht zulassen, dass Teile der Produktion schließen müssen, weil jemand an Covid-19 erkrankt. Das wäre der Super-GAU.

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